Ihr Kinderlein kommet...

 
 
Inzwischen lebe ich schon seit 40 Jahren mit den Folgen einer Krebserkrankung. Ein Tag vor meinem neunzehnten Geburtstag wurde mir nach vielen Operationen und gewagten Bestrahlungen das linke Bein und das linke Becken amputiert. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich einige Tage vor dieser Hemipelvektomie meinen Arzt verzweifelt fragte, ob ich mit so einer gravierenden Amputation noch Kinder haben könne.
Denn schon damals konnte ich mir für mich ein Leben ohne Mutterschaft nicht vorstellen.
So wie Beruf, Familie, Partnerschaft sollte wenigstens auch ein Kind dazu gehören.
Der Arzt antwortete vage, ja eine Frau habe unter solchen Umständen ein Kind zur Welt gebracht.
Das reichte mir, um zu glauben, dass auch ich das schaffen würde.
 
Schon drei Jahre später setzte ich alles daran, schwanger zu werden. Mein damaliger Partner stammte aus Cuba und war nur für einige Jahre zu einer Berufsausbildung in der DDR. Im Grunde war es schon von Anfang an klar, dass ich das Kind ohne seinen Vater großziehen würde. Meine Mutter weihte ich in mein Vorhaben ein und sie sicherte mir ihre Unterstützung zu.
Man muss sich aber auch die damalige Situation vor Augen halten. In der damaligen DDR wurden Frauen sehr unterstützt, Mutterschaft und Beruf, oder auch Behinderung unter einen Hut zu bringen. Ich weiß jedoch, dass andere behinderte Mütter auch gegen Vorurteile während der Schwangerschaft zu kämpfen hatten, zu einem Schwangerschaftsabbruch, ja sogar zur Sterilisation gedrängt wurden. Aber war das Kind erst einmal da, gab es Unterstützung durch Hebamme, Kinderkrippe, Wohnungsvergabestelle, Pflegedienst, Rehabilitationsberatung und Arbeitsstellen.
 
1983 wurde ich schwanger. Ich war überglücklich und manchmal auch ein bisschen unsicher. Ich hatte als 22-Jährige immerhin eine Zwei-Zimmerneubauwohnung, einen Trabant mit Handschaltung, eine Haushaltshilfe, einen Teilzeitarbeitsplatz und eine Reihe von beruflichen Qualifikationsmöglichkeiten.
Doch kann ich als behinderte Frau ein Kind versorgen?

Der Schwangerschaftsverlauf wurde als Risikoschwangerschaft engmaschig überwacht. Die letzten 5 Wochen sollte ich im Krankenhaus abwarten, aber wer nicht warten wollte, war meine kleine Tochter, die zwar reichlich früh und mit nur 2640 g, aber gesund auf die Welt kam.
Dann zu Hause erfuhr ich viel Unterstützung: Meine Mutter kam mehrere Male in der Woche und auch Freundinnen und Nachbarinnen sprangen ein, wenn ich Hilfe brauchte. Selbst konnte ich, da ich immer an Krücken ohne Prothese lief, nicht den Kinderwagen schieben. Aber da waren oft zwei helfende Hände und Beine zur Stelle. Ich trug ansonsten mein Baby in einem Tragegestell auf der Brust.



Nach einem Jahr ging dann meine Tochter in die Krippe und ich begann wieder zu arbeiten. Am Wochenende fuhr ich mit meiner kleinen Tochter häufig zu meiner Familie. Vieles war geregelt und doch habe ich auch manches Mal mit meinem Baby auf dem Arm und Tränen in den Augen da gesessen und überlegt, wie wohl alles zu schaffen sein würde. Der Vater meiner Tochter kehrte nach Cuba zurück, als sie ein Jahr und vier Monate alt war. Wir konnten den herzlichen Kontakt bis heute über schon mehr als 30 Jahre aufrecht erhalten, wofür ich wirklich sehr dankbar bin. Meine natürlich nun erwachsene erste Tochter arbeitet als Journalistin in Wiesbaden.

Was ich in den achtziger Jahren natürlich noch gar nicht ahnen konnte, war, dass ich mit 33 Jahren meinen Mann aus Köln kennenlernen würde, der sich auch sehr Kinder und eine Partnerschaft wünschte. So zog ich mit meiner Tochter nach Köln. Als meine zweite Tochter unterwegs war, heirateten wir. Wir arbeiteten von da an gemeinsam an einer Kulturzeitschrift. Als ich noch stillte, hatte ich plötzlich so eine Ahnung, dass ich schon wieder schwanger sein würde und wirklich nur ein und ein halbes Jahr später kam meine dritte Tochter dann schon im Westerwald zur Welt. Wenn ich von dieser Zeit erzähle, sage ich immer: Wir waren zwei Mütter.

Zwei Babys kurz hinter einander bedeuten sehr viel Arbeit. Es war nicht geplant, aber auch nicht ausreichend verhindert – eine weitere Schwangerschaft. Die Ärzte sagten mir eine vierte Tochter voraus und es wurde ein Junge! Eine glückliche Überraschung.
Unser Leben blieb arbeitsreich. Wir lebten und arbeiteten an unserer zweisprachigen Kulturzeitschrift in unserem großen Haus im Westerwald und waren so abwechselnd für die Kinder da. Es war wirklich gar nicht geplant und doch... wurde ich im Abstand von 15 Monaten wieder schwanger: Mein fünftes Kind, wieder ein Junge. Ich habe auch dieses fünfte Kind mit 41 Jahren auf natürlichen Wege geboren. Für mich mein größtes Glück: Alle Kinder sind gesund und ohne große Probleme auf die Welt gekommen.

Als es jeweils um die Vorsorgeuntersuchungen ging, habe ich nur die üblichen Untersuchungen angenommen. Ich wollte später eigentlich auf genaueren Tests bestehen, aber mein Mann sagte, dass wir doch sowieso keinen Schwangerschaftsabbruch machen würden. Das sah ich zu dieser Zeit genauso, empfand es sogar als ein ganz klares Ja von ihm zu uns als Familie. Heute denke ich etwas anders darüber. Ein behindertes Kind und ein behindertes Elternteil – manchmal ist einfach die Grenze des Schaffbaren erreicht!

Mein Mann hat viele Aufgaben unterschätzt, viele Probleme, vor allem um unseren Verlag sind uns über den Kopf gewachsen, weil er oft auch nicht die tagtäglichen geschäftlichen Herausforderungen durchgehalten hat. Um unsere Kinder hat er sich aber immer sehr gekümmert. Es gab häufig Streit und er trennte sich von mir. Da inzwischen ja drei Kinder schon erwachsen sind, lebt ein Sohn beim Vater und der jüngste Sohn – er wird bald 14 - bei mir. Wir als Eltern versuchen, die Trennungssituation so fair wie möglich zu gestalten und das Leben nach Trennung hat sich für mich nun nach 5 Jahren wieder gut eingespielt.

Manchmal frage ich mich natürlich, wie die Kinder zu dem Thema Behinderung und Elternschaft stehen. Ich vermute mal, dass sie das auf keinen Fall rosarot beschreiben würden. Aber sie wissen, dass es im Leben immer wieder Höhen und Tiefen gibt, die man aber meistern kann. Aus meiner Sicht möchte ich natürlich zu Elternsein trotz Handicap ermuntern. Aber man sollte die Arbeit und die mentale Herausforderung keinesfalls unterschätzen und realistisch bleiben.

 
Fassung 15.03.2017
Copyright Monalisa Rosh

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