Zwei Frauen auf drei Beinen
reisen durch Ägypten


Text (bearbeitet 2012) und Fotos: Monalisa Rosh

Autorin Monalisa Rosh Foto Laura N.

 
 

Faszination Ägypten

Zu einer Zeit, nämlich Mitte Januar, zu der in der Tourismusbranche normalerweise Ägypten nicht zu den begehrtesten Reisezielen zählt, konnte ich mir vor einigen Jahren meinen lange gehegten Wunsch erfüllen: Meine erste Reise nach Ägypten. 
Mit diesem Land verbinden sich so viele Vorstellungen, ist es doch eine sehr alte, aber doch recht gut erforschte Hochkultur der Menschheitsgeschichte. Lebhafte Bilder entstehen vor dem geistigen Auge: Jahrtausend alte Pyramiden und Tempelanlagen der Pharaonen oder die biblischen Handlungsorte wie Wüste, Rotes Meer und der Fruchtbarkeit spendende Nil. Für mich übt Ägypten noch einen zusätzlichen Reiz aus, ist es doch das Mutterland des Bauchtanzes. Seit fast 20 Jahren bin bei einer Kulturzeitschrift rund um Orientalischen Tanz und Kultur beschäftigt und leite seit sechs Jahren eine kleine Tanzschule im Westerwald.
Einige außergewöhnliche Reiseerfahrungen habe ich auch bei meinen diversen Cubabesuchen machen können, zum Glück auch da fernab vom Massentourismus.
So sollte auch meine Ägyptenreise eine abwechslungsreiche Mischung werden. Es standen einige spannende Stationen auf meiner Reiseroute. Pyramiden von Gizeh in Kairo, die Tempelanlage und das Tal der Könige bei Luxor, aber auch das Rote Meer, wo ich eine bekannte Kostümdesignerin und natürlich meine Freundin besuchen wollte.

 

 

Mein Handicap

Jetzt kommt Ihr sicherlich das erste Mal ins Grübeln. Bauchtanz – hohe Beinamputation?
Vor über 30 Jahren musste bei mir auf Grund einer Tumorerkrankung das linke Bein, einschließlich Hüfte amputiert werden. Insider wissen, Hemipelvektomie ist schon sehr gravierend, aber mir ging es eigentlich bisher immer recht gut und – habe so sogar fünf gesunde Kinder auf die Welt gebracht. Allerdings konnte ich mich nie recht mit einer Prothese anfreunden, weil ich mich dadurch „behindert“, eingeschränkt in meinen Bewegungsmöglichkeiten fühlte. Zunehmend wächst jedoch der Wunsch, es doch nochmal mit einer Versorgung zu probieren. Sehr viel ist gerade in meinem Leben im Wandel begriffen und vielleicht schaffe ich das auch noch.
Durch meinen früheren Mann bin ich - jedoch rein theoretisch - zum Thema Orientalischer Tanz und Kultur gekommen, da er die Kulturzeitschrift ORIENT MAGAZIN herausgab. Aber wirklich getanzt, außer bei einigen Versuchen im stillen Kämmerlein, habe ich bisher noch nicht. Was sich aber vielleicht nun auch noch verwirklichen lässt, doch dazu ein andermal mehr.

 

 

Destination Hurghada

Mein Zielflughafen war Hurghada. Dort sollte ich meine langjährige, zeitweise in El Gouna lebende Bekannte Christina und ihren Mann treffen. Herzlich nahmen mich die beiden bei wunderbarem Sonnenschein und herrlich milden 20 Grad nach der unkomplizierten Erledigung der Einreiseformalitäten in Empfang. Flugreisen müssen wir Behinderten zwar etwas genauer vorbereiten, uns ankündigen und unsere Bedürfnisse mitteilen, aber es klappte wirklich alles prima. Da ich mit dem Auto allein zum Flughafen in Köln angereist war, ließ ich mich mit meinem Gepäck vom Auto abholen und setzte mich – was ich bisher nur an Flughäfen nutze - in den vom Sanitätsdienst mitgebrachten Rollstuhl. Vom Gate gelangten wir Passagiere ohne Stufen durch einen Rüssel in den Flieger, von wo aus ich dann wieder mit meinen Krücken unterwegs war.
Aus unserem Taxi nach El Gouna bekam ich von Hurghada zunächst nur die langgezogene leicht chaotische Ausfallstraße mit vielen Geschäften des täglichen Bedarfs mit. Diese mündete dann in eine schier endlose Aneinanderreihung von großen Hotels direkt am Roten Meer. Durch einen ungezügelten Bauboom hat sich Hurghada in den letzten Jahren vervielfacht.


 

 

 

Paradies in der Wüste - El Gouna

Dieser von Hurghada 20 Kilometer entfernte Ort liegt ebenfalls direkt am Roten Meer, einem Taucherparadies.

Der ägyptische, durchaus mildtätige Milliardär Sawiri (gespr. Sauiri) hat hier eine Vision verwirklicht. Mildtätigkeit gehört übrigens neben dem Glaubensbekenntnis, dem Gebet, dem Fasten und der Pilgerfahrt zu den fünf fundamentalen Säulen im Islam. Didi Sawiri wollte inmitten der Wüste – und das ist ja Ägypten zum großen Teil – eine neue Stadt kreieren. Er hatte vom ägyptischen Staat darum die Auflage erhalten, für jede Wohneinheit in seinen zu erbauenden Wohnparks auch je ein Hotelzimmer zu errichten, um so Arbeitsplätze im Tourismus zu schaffen. Es gibt inzwischen nun wirklich viele schöne, sehr geschmackvoll angelegte Wohnanlagen mit üppigem Grün und um die 13 Hotels, die keine Wünsche offen lassen: Ob im 5-Sterne-Steigenberger Hotel mit riesigem Golfplatz oder im traditionell eingerichteten, urgemütlichen Hotel Dawar al Omda (übers. Haus des Bürgermeisters) logierend, man genießt die Sonnenseiten des Landes, denn das wahre Ägypten ist das natürlich nicht. Trotzdem empfand ich diese künstliche Stadt mit ihren vielen vom Roten Meer abgezweigten Lagunen (daher der Name El Gouna) nicht als Disneyland-Verschnitt.

In der modernen geräumigen Wohnung meiner Freundin hatte ich ein Gästezimmer mit eigenem Bad, wo ich mich sofort sehr wohl fühlte.




El Gouna - Stadt der Lagunen

 



Blick aus meinem Zimmer

 

 

Bibliothek von Alexandria

In El Gouna gibt es auch eine Zweigstelle der amerikanischen Universität von Kairo, ein gut           ausgestattetes Krankenhaus, Schulen, eine traumhafte Marina (Yachthafen), eine Reihe von kleinen Boutiquen mit passablen Angeboten und Preisen aber auch lauschige Restaurants, in denen durchweg frische, köstliche Speisen meist auf einem Außengrill zu bereitet werden.





Zu Gast beim Sohn von Omar Sharif

Es gibt in El Gouna eine auf das Modernste eingerichtete Zweigstelle der Bibliothek in Alexandria, von der man kostenlos an Monitoren zu mehr als 19 000 virtuell aufgearbeiteten Büchern Zugriff hat. So kann man zum Beispiel Koran-Passagen gleich mit der entsprechenden englischen Übersetzung und Dokumentation einsehen. In der Bibliothek finden auch Kulturveranstaltungen und Vorträge statt. Wie aus 1001 Nacht kann man in einem romantisch orientalischen Innenhof die (wenigen) echten Bücher in verschiedenen Sprachen lesen. Ich denke, dass die Bibliothek vor allem für die zahlreichen Langzeittouristen (Residenten) eine Bereicherung sein dürfte.




Vor der Zweigstelle der Bibliothek von Alexandria

An unserem ersten Abend statteten wir dem Restaurant Oriental Grill einen Besuch ab.
Einfach die Tuktuk Zentrale angerufen – und schon stand eines vor der Tür. Das Tuktuk schien zu gleichen Teilen von einem Moped und einer Kutsche abzustammen und bot nur Platz für Christina und mich. Ein beherzter Sprung und etwas geistigen Beistand sowie Krücken festhalten durch Christina und ich konnte darin Platz nehmen. Ihr Mann ging die Viertelstunde bis Downtown zu Fuss. Unter ohrenbetäubenden Geknatter kamen wir fast zeitgleich dort an.

Der Oriental Grill erwies sich als ein sehr gediegenes Restaurant mit wunderbarem Garten. Die Inneneinrichtung war sehr geschmackvoll und gemütlich eingerichtet. Wir aßen leckere Vorspeisen zu frisch gebackenen Brotfladen und beim Fisch mit ganz frischem Gemüse erzählten mir Christina und Peter, dass das Restaurant dem Sohn des bekannten ägyptischen Schauspielers Omar Sharif gehöre. Noch eine zweite Überraschung! Uns wurde richtig leckeres Bier aus der Hausbrauerei serviert.

Im Hotel Dawar al Omda (Haus des Bürgermeisters) war ich ganz verzückt von dem üppigen orientalischen Interieur mit unzähligen Lampen, lauschigen Sitzecken mit vielen Kissen und wunderschönen Wand-Mosaiks. Im Garten-Restaurant hatten wir einen „Dschinn“ nur für uns, der alles frisch grillte und uns immer wieder neue leckere Sachen offerierte. Und jetzt verrate ich auch mal den Preis für das 4-Gänge-Menü: 80 Ägypt. Pfund, das sind umgerechnet etwa 10 Euro. Nur wenige Schritte weit vom gemütlichen Dawar al Omda gab es einen zentralen Platz, wo während der Saison Openair-Veranstaltungen mit Musik und Tanz geboten werden.

 

 

 Besuch in Hurghada

Schon am nächsten Tag fuhren wir wieder zurück nach Hurghada, um dort eine aus Deutschland ausgewanderte Kostümdesignerin zu besuchen, die wir aus der Zeit ihres Kölner Schaffens gut kannten. Unser Privattaxi wartete pünktlich wie vereinbart vor der Haustür. Nasr Ali, der stolze und sympathische Taxibesitzer sah aus wie der Cousin von Barack Obama. Durch diese Dienste kann er seine Familie ganz gut versorgen, wie mir Christina erzählte. Wer seine wirklich treuen Dienste mal in Anspruch nehmen möchte: Er ist mobil unter 0020 / 0122 443 7822 zu erreichen. Und noch einen praktischen Tipp kann ich Euch mitgeben: Kauft Euch in Ägypten eine Prepaidkarte, dann könnte Ihr im Land und auch nach Deutschland günstiger telefonieren.
Die Bauchtanz-Kostümdesignerin Uschi Lenz wohnt schon seit vielen Jahren in Hurghada und das in einer wirklich beeindruckenden 400 qm Villa. Als ich darin die vielen Stufen bis zur Dachterrasse erklommen hatte, wurde ich dafür mit einem faszinierenden Blick auf das Rote Meer belohnt. Bei Kaffee und Kuchen erzählte sie uns allerdings auch von ihrer schweren Diabetiserkrankung. Für ihre Arztbesuche kommt sie noch regelmäßig 2-3 Mal im Jahr nach Köln. So schön und privilegiert ihr Leben hier mit ihrem 30 Jahre jüngeren ägyptischen Man auf den ersten Blick wirkte, blieben uns auch die Schattenseiten nicht lange verborgen. Viele Dinge des Alltags gestalten sich doch um einiges umständlicher und es fehlen manchmal Menschen auf gleicher heimatlicher Wellenlänge.

 


Dachterrasse der Designerin in Hurghada

 

 
Mädchen in einer Saftbar in Hurghada: Ihr Traummann - Antonio Banderas

 

 

Fahrt nach Kairo

Für den nächsten Tag hatte wir eine Reise mit einem Linienbus nach Kairo gebucht.



Bushaltestelle in El Gouna

In Kairo (auf arabisch El Kahira - die Siegreiche) spuckte uns der Bus nach fünfstündiger Fahrt durch eine gut ausgebaute Wüstenstraße direkt am Ramses Square in den absoluten Moloch der 18-Millionen-Metropole. Ich muss gestehen, für eine ganze Weile hatte ich erstmal meinen Schock zu verdauen. Irgendwie fühlte ich mich an den legendären Stummfilm „Metropolis“ aus den zwanziger Jahren erinnert: Graue Menschenmassen, die sich konstant auf Wegen in verschiedenen Ebenen vorwärts wälzten. Um den explodierenden Autoverkehr in den Griff zu kriegen, setzt man in Kairo auf den abenteuerlichen Bau unzähliger Hochstraßen, die sich noch mit weiteren Hochstraßen kreuzen oder sich durch zu enge Häuserschluchten drängen. Der extreme Verkehr und die damit verbundenen Abgase verschlagen einem den Atem. Auch wenn sich Stoßstange an Stoßstange reiht, die Handys an den Fahrern und Fahrerinnen! angewachsen scheinen – es funktioniert. Mal tüchtig auf die Hupe drücken scheint beim Stoßstangenboxen irgendwie zu helfen.
Was mir zunächst als grau in grau erschien, nahm nach und nach Kontur und Farbe an. So fielen mir die vielen jungen Frauen auf, die nach islamischer Tradition mit Kopftuch und mehr oder weniger langem Rock bekleidet waren, alles aber geschickt farblich auf einander abgestimmt und mit vielen modischen Accessoires aufgepeppt. Man begegnete auch Frauen, die ganz in Schwarz gehüllt waren, aber eben auch genauso welchen in westlicher Mode und mit offenem Haar. Da in Ägypten das Handy unabdingbar dazu gehört, bietet übrigens das Kopftuch einen besonderen Komfort: Das Handy lässt sich nämlich wunderbar in Ohrnähe ins Kopftuch stecken.

 

 

 

Sightseeing

Das kulturelle Leben der riesigen Metropole ist lebendig und vielseitig. Neben den großen Museen gibt es an vielen Ecken, oft versteckt liegend, kleine Galerien und Antiquariate, wo ich nach Herzenslust in wahren Kleinoden, wie alte Orientalika-Bilddrucke stöbern konnte.


     

Antiquarische Bilddrucke in Kairo


Besucher, kommst Du nach Kairo...
… dann gehe ins Ägyptische Museum. Das weltberühmte Museum ist am östlichen Nilufer, am inzwischen ebenfalls geschichtsträchtigen Tahrir-Platz gelegen. Es umfasst etwa 150 000 Ausstellungsstücke aus 4 500 Jahren Menschheitsgeschichte, die größte Sammlung ägyptischer Altertümer, unter ihnen der Schatz des Tutanchamuns.
Auch das Koptische Museum oder das Museum für Islamische Kunst sind unbedingt einen Besuch wert.
Regelmäßige Theater-, Ballett- und Konzertaufführungen bereichern das kulturelle Leben. Genannt seien hier die opulenten Aufführungen der Verdi-Oper Aida im überaus imponierenden Cairo Opera House oder die Folkloretanz-Shows im Balloontheater.

Sonnenuntergang am Nilufer in Kairo

 

Die Straße des Bauchtanzes

Da Christina und ich uns beruflich mit Orientalischem Tanz beschäftigen, statteten wir natürlich auch der legendären Mohamed Ali Straße einen Besuch ab. Diese Straße war in der Vergangenheit der Ort, an dem die Bauchtänzerinnen und Musiker zu Hause waren. Noch heute befinden sich in dieser quirligen, für das traditionelle Kairo typischen Straße einige interessante Geschäfte für Musikinstrumente sowie angesagte Kostümdesigner. Zu einem dieser Zunft stieg ich mit Christina über eine abenteuerlich gewendelte Treppe in den 3. Stock. Während des beschwerlichen Aufstiegs fragte ich mich, ob ich da je heil oben ankäme. Und wenn ja: Wie wieder herunter?

Trotzdem schlug dann – etwas aus der Puste - mein Frauenherz im Atelier vor allem wegen der schönen Stoffe und Glitzersteine höher. Ahmed Dias El Din und seine Tochter Amira empfingen uns herzlich. Während wir artig unseren Saft schlürften, bestaunten wir die Fotos internationaler Starkunden. Dann zeigte uns Herr El Din sein Heiligstes: Zwei kleine Zimmerchen, in denen auf engstem Raum Frauen – teils auf dem Boden hockend – Kostüme in aufwendiger Handarbeit kunstvoll bestickten. Bei einigen Kleider und Schleier wurde ich dann natürlich schwach, sie sollten mich später unbedingt nach Deutschland begleiten.
Besser als zunächst befürchtet kam ich wieder unten auf der Mohamed-Ali-Straße an.
Oh Schreck – wieder ein Problemchen! Ich musste ganz ganz dringend für kleine Einbeinige. Ein Blick nach links, dort sah jedoch nur einen Fleischstand, wo ein halbes Eselhinterteil inklusive Schwanz und andere illustre Fleischbrocken an riesigen Haken hingen. Ein Blick nach rechts, nichts außer Autos. Doch gegenüber stand eine kleine Traube von Männern ganz traditionell muslimisch gekleidet. Ich machte den zögerlichen Taxifahrer rebellisch, diese zu fragen, wo ich zur Toilette konnte. Mit einem etwas beklemmenden Gefühl folgte ich dann einem dieser Männer durch zwei Hinterhöfe in einen dunklen Verschlag, wo sich sehr wahrscheinlich schlicht und einfach ein Loch im Boden befunden hätte. Das ist nicht ungewöhnlich in der orientalischen Welt, manchmal verfügen diese auch nicht unhygienischeren Hock-Toiletten sogar über einen Wasserzufluss in Pohöhe, da man sich - danach - mit der linken Hand dort wäscht. Deshalb wird man auch von Orientalen auch nie mit der linken Hand berührt, da sie als unrein gilt. Auch sonst ist es nicht üblich, als Europäerin von ägyptischen Männer angefasst zu werden; bei einer Begrüßung auch nur, wenn man als Frau zuerst die Hand reicht. Ausnahmen mag es in touristischen Hochburgen geben, aber das ist ja auch wieder ein Kapitel für sich.
In jenem dunklen Verschlag traf ich jedoch auf einen jungen Mann, der sich gerade die Füße für das rituelle Gebet wusch und so drehte ich mich sofort auf der einen Hacke wieder um. Nun musste ich weiter per Taxi eine passable, einigermaßen behindertentaugliche Toilette suchen, was mir nur in allerletzter Minute gelang.



 
Fleischstand in der Mohamed Ali Straße

 

Shoppen im Basar

Auf ging es danach zum Khan el Khalili-Platz nahe der Al Azhar-Universität, wo wir nur von außen einen Blick in das Innere der Al Hussein-Moschee (Erstbau 1235) wagten. An diesem Platz beginnt auch der Khan el Khalili-Basar, der gleichfalls bereits im 13. Jahrhundert errichtet wurde. Es gibt inzwischen dort gepflasterten Gassen nur mit Läden für Teppiche, Antiquitäten (alte und echte Waren sind entsprechend teuer), Schmuck, Tücher, Parfüm und Souvenirs. Man kann die Händler auf arabisch stilecht „Kolo ta mam?“ (Was kostet das?) fragen, was einem ein sympathisches Lächeln einbringt oder seine Verkaufsverhandlungen auf Englisch führen. Übrigens: Die Zahlen in Ägypten sind eigentlich indische, während unsere eigentlich arabische sind. Kleiner Insidertipp für Individualreisende: Kauft Euch eine billige analoge Armbanduhr mit indischen Ziffern. Da Ihr ja die Position der Zahlen kennt, könnt Ihr Euch mit einem kurzen Blick auf die Uhr die indische Zahl herleiten und mit der auf dem Preisschild vergleichen, ohne Euch als Ahnungslose outen zu müssen.
Preisverhandlungen sind ein Ritual, bei dem der Verkäufer ungefähr beim Doppelten anfängt und man sich dann langsam annähert. Oh das macht Spaß! Christina und ich haben mitunter auch erstmal das Geschäft höflich, aber bestimmt verlassen, bis endlich und “Ham tu di la!“ (Gott sei Dank) der Preis stimmte.

 

 

Pyramiden von Gizeh

Natürlich wollten wir uns einen Besuch bei den Pyramiden von Gizeh (inzwischen eher ein Vorort von Kairo) nicht entgehen lassen. Diese sind inzwischen durch einen Drahtzaun vor einer zu großen Zahl von Touristen geschützt. Man kann sich gegen einen Extraeintritt auch weiter nähern. Wenn man möchte sogar auf einem Kamel! Doch wir genossen auch so den besonderen Ort, von dem eine spirituelle Wirkung auszugehen schien.
An den Pyramiden gibt es allabendlich drei Musik- und Lichtshows in verschiedenen Sprachen, ein touristisches Spektakel, auf das wir jedoch leichten Herzens verzichteten.
Wir verbrachten lieben den Nachmittag bei einem Cappuccino im wunderschönen Mena House, einer wahren Oase mit großzügigen Parkanlagen inmitten des lauten Kairo. Das Mena House wurde von einem englischen Ehepaar für die Ehrengäste zur Einweihung des Suezkanals 1869 erbaut und hat bis heute nichts von seinem besonderen Charme eingebüßt. Näher an den Pyramiden kann man nicht stilvoll logieren! Von gekrönten Häuptern und viel Prominenz erzählt das Gästebuch und das Hotel war Schauplatz von zahlreichen Romanen und Filmen, nicht zuletzt ging Agatha Christie hier ein und aus.

 

 

Ein Papyrusladen für alle Fälle

 




Der Ladenbesitzer Sahan hilft in allen Lebenslagen

Am nächsten Tag besuchten wir Sahan, einen alten Bekannten meiner Freundin, in seinem Papyrusladen. Dort bekam ich doch glatt eine Privatvorführung in der Papyrusherstellung, auch wenn ich nichts kaufen wollte. Wir brauchten eigentlich seine Insiderkenntnisse, denn wir wollten zwei Zugtickets nach Luxor kaufen. Möglichst ohne Schlange zu stehen und als Touristinnen ins Visier genommen zu werden. Eine junger Mitarbeiter erledigte das für uns und kam am Nachmittag mit den gewünschten Zugtickets zum sagenhaften Preis von je 10 € zurück.

Zugreise nach Luxor
Wir hatten uns für den Morgen-Zug (alternativ gäbe es einen Nachtzug) nach Luxor entschieden. Auf der 900 Kilometer-Fahrt über neun Stunden flussabwärts entlang des Nils konnten wir so unzählige Eindrücke sammeln.
Wir kamen an Dörfern vorbei, wo man – hätte es nicht vereinzelt Satellitenschüsseln gegeben – nicht sagen können, in welchem Jahrhundert man sich befindet. Man sah Bauern auf ihren Feldern, die Eselskarren oder Kamele mit ihrer Ernte beluden, aber kaum ein Auto.
Im Zug selbst konnten wir mit einem Vater, der gerade seinen zehnjährigen Sohn aus dem Krankenhaus über 300 km nach Hause holen wollte, ins Gespräch kommen. Bei uns in Deutschland wäre der Junge noch nicht transportfähig gewesen, sogar die Infusionsnadel steckte noch, auch hatte er Schmerzen. Ich versuchte ihn etwas mit den Handyfotos meiner Kinder aufzuheitern. Als ich dem Vater erzählte, dass ich Mutter von fünf Kindern bin, sagte er allen Ernstes, er wüsste gar nicht, dass deutsche Männer auch so stark sein können. Christina und ich mussten schmunzeln, ließen das aber mal lieber unkommentiert. Die Mitreisenden waren alle Ägypter, unter ihnen auch einige Frauen, die uns sehr nett anschauten, ja sogar grüßten. Ich hatte den Eindruck, dass sie mir wegen meiner Reisefreudigkeit trotz Behinderung Respekt und Aufmunterung bekunden wollten.
Für die Zugreise hatten wir uns mit Trekkinghosen und Schuhen mit dicken Sohlen präpariert. Nach schon drei Stunden waren die Zug-Toiletten unter Wasser (und mehr) gesetzt. Ich musste dann leider passen und ohne Getränke bis Luxor ausharren. Christina hatte ja auch mein Gepäck mitzutragen, was ganz schön knifflig war, da sie das ja nicht in einem Gang schaffte. So blieb ich bei einem Teil des Gepäcks und sie brachte schon mal ein Fuhre in den Zug bzw. auf den Bahnsteig oder eben sonst wohin. In einem touristischen Gebiet ist das mitunter etwas riskant. Touristen fahren in Ägypten aber nicht mit dem Zug, also auch niemand, der ihnen etwas wegnehmen möchte. Uns halfen mitreisenden Ägypter beim Tragen und passten mit auf. In Luxor angekommen trug - hin und hergerissen zwischen zwei Pflichten - der Vater des kranken Jungen meinen Koffer und ich führte den Jungen an zwei Fingern meiner Hand an der Krücke. Zum Glück kam uns dann bald ein Gepäckträger entgegen, der mit mir jedoch noch um das Bakschisch streiten wollte. Aha, jetzt waren wir ja auch wieder in einer Touristengegend!






Luxor in Souq Nähe    

 

Luxus im Steigenberger Hotel

Während wir in Kairo recht schlicht in einer kleinen Pension am Zoo wohnten, hatten wir vorab für Luxor zwei Nächte im 5-Sterne-Steigenberger Hotel gebucht (DZ pro Nacht 80 €). Als die Mitarbeiter mich sahen, gaben sie uns sogar ein extra geräumiges rollstuhlgerechtes Zimmer mit einem überwältigenden Blick auf den Nil.





Nilufer in Luxor

Abends saßen wir bei einem kühlen Bier im Innenhof, um uns die Tanzveranstaltung mit dem Fantasienamen „Nubien Night“ anzusehen. Die Tanoura-Vorstellung, sie wird von Männern mit bunten Röcken wie Riesenteller getanzt und symbolisiert das Entstehen des Lebens, war wirklich beeindruckend. Während die Bauchtänzerin kaum überzeugen konnte, was für mich und Christina schon etwas bitter war. Aber leider verliert der Bauchtanz in Ägypten an Ansehen und wird nicht mehr so als Kunst gepflegt. Zum Glück gibt es aber auch da die berühmten Ausnahmen.

Tanouratänzer

 

Das Tal der Könige

Am nächsten Tag fuhren wir mit einem Taxi – es wurde ein Festpreis vorher ausgehandelt - in das Tal der Könige. Ich ließ es bei einer informativen Film-Vorführung in einem Infocenter bewenden, obwohl ich die Gräber sehr gern besucht hätte. Aber manchmal lsetze ich ganz intuitiv auf Mut zur Lücke, wenn ich glaube, dass es mich körperlich doch etwas überfordern würde. Nachmittags statteten wir dann ganz in der Nähe des Medinet Habu Tempels (Ramses III.) einer belgischen Bekannten einen Besuch ab. In ihrem riesigen Haus, das sie ursprünglich zusammen mit ihrem ägyptischen Ehemann erbaut hatte, lebt sie inzwischen allen Widrigkeiten zum Trotz allein. Hier bietet sie für Touristen Übernachtungen und verschiedene Wellnessangebote an, aber auch Meditationen im Tempel oder Wüstenwanderungen.

 

Luxortempel

Zwei schwarze Augen aus dem Schleier freundlich blitzend baten mich um ein Foto


Am nächsten Morgen besuchten wir schon früh, denn im südlich gelegenen Luxor ist es um einiges wärmer, den Luxortempel (Ramses der II.). Wir saugten in der morgendlichen Luft die überwältigende Atmosphäre förmlich ein. Da noch nicht so viele Besucher unterwegs waren, wagten wir ein kleines Fotoshooting mit Christina im Tanzkostüm, was der Security nicht so recht gefiel, aber da war das Foto schon im Kasten.


Souq von Luxor

Herrlich darauf der Bummel durch den Souq von Luxor, wo man vor allem tolle Wohnaccessoires in Leder oder Textil, aber auch Gewürze kaufen konnte. Auch meine zukünftige Lieblingsbluse musste mit.


Koptischer Ladenbesitzer im Souq von Luxor





Impression im Souq
 
Das Luxor-Museum ist auch sehr empfehlenswert, wie natürlich auch die riesige Tempelanlage von Karnak. Das musste ich mir für eine nächste Reise aufhaben, die ich im Geiste schon durchspielte, da ich mich während meiner gesamten Ägyptenreise so wohl gefühlt habe. Mir gefiel das Land, die Kultur, die Menschen mit ihren warmen, ruhigen, braunen Gesichtern.

Rückreise nach El Gouna

Nicht nur um Geld zu sparen, sondern um auch näher am ägyptischen Leben zu sein, fuhren wir mit dem Linienbus nach Hurghada. Wir waren natürlich wieder die einzigen Touristen, noch dazu Frauen, im ganzen Bus. Bei den vielfachen bewaffneten Kontrollen aus Luxor heraus (Folge des Massakers am Hatschepsut Tempel 1997), nahm man etwas Anstoß daran, dass wir kein Touristentaxi benutzten. Aber unser dezenetes Auftreten, vor allem in geschlossenen Kleidung, hat uns auch hier wieder geholfen, keine Konflikte heraufzubeschwören.
Die ansonsten bequeme Fahrt endete in Hurghada, wo wir wieder vom „Cousin von Barack Obama“ abgeholt wurden, der uns dann nach El Gouna brachte. Inzwischen hatte es dort Sandstürme gegeben, eine häufige Naturlaune im Wüstenland Ägypten. Noch immer war die Luft leicht gelblich verschleiert. Wer jetzt auf Kontaktlinsen angewiesen war, hatte schlechte Karten, denn dieser Sand dringt durch alle Ritzen.

 

 

Von Hurghada zurück nach Köln

Kurz vor meiner Abreise zeigte mir Christina stolz ihr Baugrundstück, das sie trotz aller bürokratischer Hürden in Hurghada unweit vom Strand erworben hatte. Der Grundstein für das dreigeschossige Haus war bereits gelegt. Hier soll eines Tages – Inshallah – ein Tanz- und Wellnesscenter entstehen.




Christinas Baustelle

 





Treffen mit dem ägyptischen Architekten

Christina lebt seit über zehn Jahren in Alicante, wo sie u.a. an der Universität Orientalischen Tanz unterrichtet. Aber immer mehr wuchs in ihr der Wunsch, ihren Lebensmittelpunkt nach Ägypten zu verlegen, der wohl nun aber erstmal wieder zurück gestellt werden muss.Sehr schnell waren die zehn Tage meiner Ägyptenrundreise vorbei. Ich freute mich auf zu Hause, auf meine Familie. Im Flieger nach Köln traf ich dann natürlich wieder auf deutsche Touristen. Einige schienen kaum ihre Hotelanlage während ihres Aufenthaltes in Hurghada verlassen zu haben und werteten schon Rückerstattungsansprüche wegen entgangener Urlaubsfreuden aus. Ihre rosa Gesichter mit den angespannten Gesichtszügen wirkten plötzlich ganz fremd auf mich.

Mein ganz besonderer Dank gilt Christina für ihre hilfreiche Unterstützung während unserer gesamten Reise von Hurghada nach El Gouna, weiter nach Kairo, von dort nach Luxor und wieder zurück nach El Gouna und Hurghada. Noch mehr Mut als ich, sich auf diese Reise mit mir gemeinsam im Bus, Zug, Tuk Tuk oder Taxi einzulassen, musste sie wohl aufgebracht haben. Ich konnte mich in jeden Moment auf sie verlassen und die Reise genießen. Selten, meist wegen des reichlichen Gepäcks, kamen wir an den Punkt, wo wir dachten, es könnte jetzt etwas brenzlig werden. Ein Paradies für behindertengerechtes Reisen ist Ägypten zwar nicht, aber mit etwas Mut und Improvisationskunst, aber auch durch einen guten Draht zu den ägyptischen Menschen lässt sich vieles möglich machen. Natürlich vorausgesetzt die politische Lage lässt das zu.
Ich bin noch heute sehr froh, dass ich diese Reise erleben durfte.



Meine Freundin Christina in Kairo Foto: Christina Maria privat

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