Monalisa Rosh | 

 

Für die Welt bist du nur ein Mensch.
Für einen Menschen kannst du die Welt sein.


                                                                                                                             

Jeder Mensch ist ein Universum (kubanisches Sprichwort) und einzigartig in seinem 
Wesen, seiner Ausstrahlung und seinem Äußeren.
Doch von den meisten Menschen wird zunächst das Symmetrische, Harmonische, ja das
Gewöhnliche als schön empfunden. Beginnt das Gegenüber zu sprechen, Mimik und Gestik
einzusetzen, gibt es etwas von seiner Gedankenwelt preis, ergänzt sich der Eindruck.

Das andere Schönheitsideal
Ein Idealbild vom schönen, gesunden, perfekten Menschen wird in den Medien allgegenwärtig
bis zum Überdruss reflektiert. Doch mancher wendet sich gelangweilt ab: Das allzu Perfekte in
seiner mangelnden Individualität bleibt oft oberflächlich, austauschbar und lebensfern.

Doch es gibt Menschen, für die sogar eine starke Abweichung vom gängigen Schönheitsideal
sehr attraktiv ist. Menschen mit einer körperlichen Einschränkung erzeugen bei ihnen nicht
nur eine gewisse Neugier, sondern eine große Faszination: Die Deformation oder das Fehlen
von Arm oder Bein und die daraus resultierende Asymmetrie wird als anziehend, ja als erotischer Schlüsselreiz empfunden.
Mancophilie oder Amelotatismus nennt man diese sexuelle,
angeborene Vorliebe, die meist Männer, seltener Frauen, schon in frühster Jugend durch
zufälliges Zusammentreffen mit einem amputierten Menschen bei sich entdecken.



 

Vorurteile und Selbstreflektion
Eine das ganze weitere Leben beeinflussende Auseinandersetzung mit dieser Neigung beginnt:
Zu ungewöhnlich, zu verwirrend der Gedanke, dass etwas eigentlich negativ Besetztes, wie
ein durch einen tragischen Umstand verstümmelter Körper einen starken Reiz ausüben kann.
Vorweg sei jedoch betont, dass Amelos oder Amelinen, einem Menschen nicht wünschen,
dass ihm eine Behinderung widerfahre. Sie fühlen durchaus mit ihm. Nur stellen sie an sich
fest, dass sie ihn nicht trotzdem, sondern deshalb als schön empfinden.
Die modernen Medien, wie Internet, bringen inzwischen eine gewisse Informationshilfe.
Doch ohne konsequente ehrliche Selbstreflektion bleibt diese zwar entdeckte, aber nicht für
sich selbst akzeptierte Neigung ein großes Problem für alle Betroffenen. Es dauert oft Jahre
bis zum Coming out. Beziehungen ohne rechte sexuelle Erfüllung werden eingegangen und
die eigenen Gefühle verleugnet, Partner verletzt.
Noch immer treffen Amelos und Amelinen
in der Öffentlichkeit auf Unverständnis, ja Ablehnung oder gar Verurteilung. Dabei ist es
weniger ein Fetisch, der sich ja auf unbelebte Dinge fixiert, sondern ein äußeres Merkmal,

das einen Menschen als besonders anziehend erscheinen lässt. Nun könnte man meinen,
dass diese Neigung eine sichere Voraussetzung für eine glückliche Beziehung zwischen
einem Amelo und einer amputierten Frau, geprägt von Verständnis, Liebe und intensiver
Anziehungskraft, sei. Doch leider sieht hier die Realität anders aus.
Die wenigsten Amelos reduzieren die von ihnen begehrte Frau auf ihre Behinderung, doch
erschweren mehrere Faktoren eine lebenstaugliche Beziehung. Es fällt den meisten Amelos
schwer, sich und anderen diese Vorliebe wirklich in aller Konsequenz einzugestehen.
Oft werden auch die Belastungen, die das Zusammenleben mit einer behinderten Frau mit
sich bringen, gescheut. Auch von Seiten der angebeteten Frau erfordert es Selbstbewusstsein
und Toleranz, diese Vorliebe anzunehmen.
Wenn man sich in einschlägigen Foren umsieht,
stellt man fest, dass viele Amelos zwar den Austausch zu diesem Thema mit Gleichgesinnten
oder behinderten Frauen suchen, es aber nicht schaffen, eine entsprechende Lebensbeziehung einzugehen.

 

Schwarze Schafe
Hingewiesen sei auch unbedingt auf die sehr bedenklichen Ausprägungen dieser Neigung,
wie der selbstsüchtige Drang mancher Amelos, sich gegenüber der Frau zu erhöhen. Ganz
nach dem Motto ganzer Mann, halbe Frau! Solche Amelos versuchen sogar die Frau, hat
sie sich auf eine Beziehung eingelassen, geringschätzig zu behandeln und zu demütigen.

Auch wenn man im Prinzip viel Verständnis für Amelotatismus aufbringt, der in einigen
Jahren möglicherweise ähnlich wie die Homosexualität toleriert werden wird, sollte man
sich gut informieren und nicht zu blauäugig sein, denn es gibt eine ganze Reihe von
schwarzen Schafen, die die vermeintlich angebetenen Frauen belästigen, zum Sexobjekt
reduzieren und sie nicht gebührend respektieren.
Das ist schade für die Amelos, die ehrenwerte Absichten haben. Die schwarzen Schafe
werfen in der öffentlichen Wahrnehmung ein schlechtes Bild auch auf alle anderen und
viele Frauen tun dann jede Verehrung als krank und pervers ab.

 

Ein Paar - wie jedes andere?
Trotzdem gibt es eine Reihe von positiven Beispielen. Allerdings werden sich Paare, die
ja zunächst vermeintlich optimal zusammenpassen, mit ähnlichen Schwierigkeiten
abmühen, wie andere Paare  auch. Es muss ja auch in weiteren Bereichen die Chemie
stimmen. Auch die zunächst starke erotische Anziehungskraft kann sich – wie bei
anderen Paaren - mit den Jahren etwas abnutzen oder in den Hintergrund treten oder
auf jemand anderen verlagern.

Sehr viel Raum nimmt oft bei Amelos die Suche nach erotischen Anregungen ein, die es
für andere Männer ganz selbstverständlich und in großer Fülle gibt. Da es für Amelos in
vielerlei Hinsicht viel schwieriger und zeitaufwendiger ist, an Informationen, Bilder, Filme
zu kommen oder gar den Blick auf eine reale „schöne“ Frau zu werfen, bekommt diese
Suche mitunter eine obsessive Note, was dem Mann einige Schuldgefühle einbringen kann.
Auch für die behinderte Frau ist das schwer zu ertragen, wenn dies Treue, Tiefgründigkeit
und Verlässlichkeit dieser Beziehung in Frage stellt.

Hinzu kommt das Problem, dass die Chancen für die betroffenen Amelos schon rein
statistisch nicht gerade rosig sind: Eine zu große Zahl von Amelos steht einer eher
geringen an Frauen mit entsprechender Behinderung, die sich auf sie einlassen würden,
gegenüber. Meist setzt es auf Seiten der behinderten Frau eine gewisse Lebenserfahrung
und Souveränität voraus. Kurz nach dem traumatischen Schickalsschlag, der die
Behinderung herbeigeführt hat, oder in frühen Lebensphasen, wenn es noch um
Familiegründung geht, fällt es vor allem jungen Frauen sehr schwer, sich auf eine
dauerhafte Beziehung mit einem Amelo einzulassen. So vergehen oft Jahre, wenn
nicht Jahrzehnte der vergeblichen Suche. Viele Amelos finden sich irgendwann damit
ab, dass sich diese Vorliebe nur in der Fantasie ausleben lässt, was dazu führt, dass
die Beziehungsfähigkeit verkümmert, die Lebensqualität in dauerhafte Schieflage gerät.
Viele Amelos sind jedoch intelligent, kultiviert und vielseitig interessiert, oft in anspruchs-
vollen Berufen tätig, so dass sie sich auf dieser Basis ein doch recht stabiles Lebensmodell
aufbauen können, das die Problematik wenigstens etwas abzufedern vermag.

Und es geht doch!
Einigen, meist in ihrer Persönlichkeit sehr gefestigten, Amelos gelingt jedoch wirklich,
eine von ihnen so begehrte Frau zu finden und mit ihrer Neigung Frieden zu schließen,
ja sie als etwas zu empfinden, was ihr Leben reicher und bunter macht.

Auch manche behinderten Frauen bringen die Stärke und Gelassenheit auf, diese Neigung
als etwas zu sehen, was sie einem Mann ganz nah kommen lässt und ihr Leben als
begehrtes Wesen erotisch erfüllter werden lässt.
Monalisa Rosh

(Überarbeitete Fassung 3.7.2013)

Quellen:
Mancophilie /Ilse Martin
Wikipedia

 

 


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